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Es geschah in den frühen vierziger Jahren. Es war Krieg, und das Lauenburger Lyzeum war in ein Marinelazarett umfunktioniert worden. Um die Zeit fiel sie mir das erste Mal auf. Sie stand am Erlenplatz, ganz in der Nähe eines der Kastanienbäume. Eine Schönheit war sie eigentlich nicht. Oder doch, auf den zweiten Blick ? Wenn ja, dann jedenfalls eine recht üppige, mit Rundungen an den richtigen Stellen. Sie trug ein spitzes, schwarzes Hütchen, meine ich mich zu erinnern. Aber diese Bekanntschaft liegt immerhin schon an die sechzig Jahre zurück. Es kann also durchaus sein, dass sie ihrer - Arbeit mag ich es gar nicht nennen - auch barhäuptig nachging. Ich traf sie noch oft. Jedesmal lockte sie mich mit ihren Angeboten, keineswegs zweideutigen, nein absolut eindeutiger Art. Ich war nur ein armer Schüler und mit dreizehn, vierzehn gerade in den Pubertätsjahren. Für die Erfüllung derartiger Wünsche hatte ich kein Geld. Darum zog ich immer wieder mit Bedauern an ihr vorbei. Besser situierte Lauenburger freilich machten von ihren Verlockungen mehr oder minder häufig Gebrauch. Ob sie zufrieden waren ? Wie sollte ich das erfahren. Das jedenfalls steht fest: Ganz umsonst bemühte sie sich nicht. Und eines Tages würde auch ich erwachsen sein. An einem dunklen Novemberabend beobachtete ich sie aus einigen Metern Entfernung. Sie stand am gleichen Platz wie bei unserer ersten Begegnung, etwas anders gewandet natürlich. Ein Matrose, der offenbar zu tief ins Glas geschaut hatte, torkelte auf sie zu, blieb vor ihr stehen und salutierte militärisch stramm. Dann zog er einen Flachmann aus der Tasche und trank ihr zu. " P r o s t ", sagte er, legte erneut die Hand an die Mütze, " P r o s t , Lili Marleen". Uff, die hatte ich mir doch schlanker vorgestellt. Es war die Zeit, da alle Welt den berühmten Schlager sang.
Ohne weitere Präliminarien schritt der Seemann zur Tat. Mit beiden Händen begrapschte er seine Angebetete, von hinten, von vorn und umgekehrt und begann, ihr die Kleider vom Leibe zu reißen. Schon hielt er die ersten Fetzen in der Hand. Hätte ich der Bedrängten zu Hilfe eilen müssenen? Ich gestehe, ich sah eher mit Interesse zu. Der Matrose faßte sich an die Stelle, an der Zivilisten einen Hosenschlitz haben. Mariner haben stattdessen eine Klappe, die sie herunterlassen, wie eine Fähre beim Ausbooten. Es war zu dunkel, um das Boot zu erkennen. Aber ich hörte es plätschern. Das Opfer solch frevelhafter Tat schrie weder vor Zorn, noch wehrte es sich irgendwie. Sie nahm es in königlicher Haltung hin. Was hätte sie auch anderes tun sollen, die Litfaßsäule am Lauenburger Erlenplatz, schräg gegenüber vom Cafe'Lull in der Paul-Nipkow-Straße?
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| Autor: Günter Frenz, ein Buch über seine Jugend in Lauenburg mit dem Titel "Wenn einer von uns zweifeln sollt" | |
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