Impressionen vom Drazigsee

Aus der Haustüre tretend zerflattert der Nebel vor meinen Augen, grau und noch dämmerig ist dieser Herbstmorgen. Regungslos liegt die Dorfstraße, von einem Gehöft schallt das Bellen eines Hundes herüber. Von der Schule zum See abbiegend, führen mich meine Schritte einen schmalen Pfad zwischen Erlen und Weidengebüsch entlang. Still, fast unbewegt und dunkel liegt der See, ein fahles Hell des Morgenhimmels spiegelt sich im Wasser. Einen Steinwurf vor mir erheben sich klatschend ein paar Wildenten, ein Stück weiter, unterhalb der Steinortspitze fallen sie platschend und laut schnatternd wieder ein und treiben gründelnd am seichten Ufer entlang. Langsam hebt sich der Nebel immer mehr vom Wasser ab, so erkenne ich schon schwach die bewaldeten Höhen der Heinrichsdorferbucht, zur linken schon fast klar zu erkennen Königswerder.

Ein hell gestrichenes Wochenendhäuschen lugt dort aus dem klaren Wasserspiegel. Das mit grauem Schilf gedeckte Gehöft des Bauern Manthey, weiter dem Dorf zu ist auch schon munter, das Knarren einer Stalltür und dumpfe Brummen einer Kuh deuten das an. An der Chaussee die von Tempelburg nach Bad Polzin, zwischen Drazig und Sarebensee entlang führt erhebt sich noch dunkel und massiv das Profil der alten Burgruine, das mannshohe Birklein auf der höchsten nach Süden gekehrten Seite ist schon auszumachen.

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                               Drazigsee 1986

 

 

Unterhalb der Burgruine, zur Drage hin reckt sich das schlichte Eisenkreuz der kleinen Kirche aus den dichten Wipfeln der Kastanien und Ahornkronen heraus. So wie auch der größte Teil von meinem Standort aus von hohen Bäumen verdeckt wird. Am deutlichsten erkenne ich zurückblickend das weiße Fachwerkhaus vom Bauern Marquardt, Stössel genannt und das Liebste, der Kahn, der alte Holzschuppen und das Haus meiner Großeltern worin auch meine lieben Eltern wohnen. Immer weiter am See entlang, durch dichtes Erlengestreuch gehe ich um die Steinortspitze herum und vor mir liegt nun die weite Wasseroberfläche welche sich einmal rechter Hand bis Kahlenberg unterhalb der Chaussee Klaushagen – Neuwurow zieht, vor mir bis Blumenwerder – Repow – Warlang und linker Hand bis hinunter nach Tempelburg, wo sich auch die tiefste Stelle des großen Drazigsees befindet ca. 85m. Dieses Panorama an diesem erwachenden Morgen ist aber erst vollständig mit der ausgedehnten Insel Kalkwerder, woher mir die schon ziemlich alte Kugelbuche mit ihrer dicht geschlossenen riesigen Krone einen stummen Morgengruß erweist.

Jetzt schallen kurz und gleichmäßige Ruderschläge herüber, ein Kahn schiebt sich in Richtung Tempelburg aus dem Schatten des hohen Inselufers. In feuchten weißen Sand stapfen meine Füße weiter, immer am See entlang, zur Landseite, Erlen und Weidengeholz, dazwischen niedrige bis mannshohe Wachholderbüsche. Der vorher vom Wasser sich hebende Nebel umwallt mich nun in dichte Wolken und vereint sich mit dem Wasser. Der schon in ein herrliches blau getauchte Himmel verspricht einen schönen Tag. Nun bin ich an der Gemarkung des ehemaligen Rittergutes Adligdraheim angelangt, die alten, mit hohem Schilf und undurchdringlichen dichten Weidenbüsche bestandenen Kalkkuhlen waren schon immer Geheimnis umwittert für uns Jungen, und nicht nur in der Fantasie spielten sich dort beim Gänse oder Kühe hüten abenteuerliche Dinge ab.

Ein braunrotes Rudel Rehe steht nicht allzu weit von mir in knietiefen saftigen Gras, die über die Höhe in Richtung Sarebensee empor kletternde Sonnenscheibe scheint alles zum Leben erweckt zu haben, eine schwarzweiße, mit dem Schwanz wippende Elster hat mich im Vorbeiflug erspäht und macht einen riesen Spektakel, worauf das Rudel mit hochgestellten Rosetten in Richtung Schäfermöß davonspringt. Auch das kleine gefiederte Völkchen ist längst munter, auf der Hagebuttenstaude am moorigen Weg picken einige Meisen an den rotleuchtenden Früchten.

Die Sonne lässt die klare Luft schon leicht flimmern, ihre wärmenden Strahlen machen     diesen Tag im Frühherbst zu einem Geschenk Gottes an die Kreatur.

von Heinz Donicht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                        siehe auch :  Pommersche Leute in aller Welt

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