Wenn die Rohrdommel ruft               

Lange ist es her seit ich den Ruf der Rohrdommel zum letzten Male hörte, noch weiter zurück liegt der Tag  an dem ich diesen Ruf das erste Mal vernahm. Nicht viele Menschen haben das Glück diesen seltsamen Ruf zuhören, ganz wenigen glückt es eine Rohrdommel in freier Natur zu belauschen. Damals war ich noch ein Junge, mit meinem Faltboot hatte ich schon fast alle Buchten und geheimnisvollen Schilffelder des Drazigsees durchstöbert. Es gab vieles zu entdecken und immer neue Geheimnisse lockten mich so oft ich nur die Gelegenheit hatte auf das Wasser hinaus.

Rohrdommel Meine gute Mutter war nicht immer begeistert von meinen Unternehmungen, denn es war ja auch wohl nicht ganz ohne Gefahr. Auf dem großen oft nicht berechenbaren See, zumal  bei plötzlich aufsteigendem Gewitter, wo sich der Himmel rasch verdunkelte und in kurzer Zeit aus dem ruhigen Wasser eine tobende Wasserwüste wurde, musste man immer auf der Hut sein. Ich hatte Ferien, eine herrliche Zeit an einem frühen Sommermorgen paddelte ich in den wie ein Spiegel  daliegenden See hinaus. Ein klarer, hoher und blauer Himmel spannte sich über alles. Mein Herz hüpfte bei jedem Paddelschlag mit und wie silberne Perlen lagen Wassertropfen auf meinem Boot. An seichten Ufern vorbei, über ganze Felder von Wassergewächsen hinweg glitt ich fast geräuschlos dahin.
Die Rohrdommel

Von einem alten Fischer hatte ich mir einmal etwas über die Rohrdommel erzählen lassen, die als gespenstisches Wesen in einer einsamen abgelegenen Bucht des Sees inmitten dichter fast undurchdringlicher Schilf- und Kalmusfelder ihren Aufenthalt haben sollte. Auf dieser Spur der Rohrdommel zu begegnen befand ich mich mit meinem Boot. Rohrdommel, ich wollte wissen was dies für ein seltsames Tier war. Schon des öfteren hatte ich an stillen Abenden den seltsamen Klang, der wie ein dumpfer Paukenschlag ertönte gehört, aber immer aus sehr weiter Entfernung. Es drängte mich schon lange an diesen Vogel so dicht als nur möglich heranzukommen um ihn einmal zusehen.

Hinterpommern

Die Natur und den Gesang der Vögel habe ich stets geliebt, aber der Gesang der Rohrdommel ließ  mich nicht mehr los es ist kein anziehender Klang, aber geheimnisvoll und merkwürdig und deshalb vielleicht auch so unvergesslich und faszinierend für mich. Vor langer, langer Zeit als es in Europa noch viele unberührte Sumpfgebiete gab, war die Rohrdommel nicht so selten, sie brütete in diesen Gebieten. Viele Sümpfe aber wurden trocken gelegt, gerade in Deutschland, die Rohrdommel verschwand immer mehr. Seit langem bestehen Schutzmaßnahmen die diese interessanten Vögel schonen und schützen.

Es ist noch heller Tag als ich in der stillen Bucht ankomme, also Zeit genug bis zur Dämmerung. Wenn ich nur den richtigen Platz fände um der Rohrdommel zu begegnen. Übermannshoch ragt hier das Schilf über das Wasser empor und so dicht das es selbst mit dem schmalen Faltboot schwierig wird einzudringen. Rings um mich flimmert die Luft, nur ein leiser Lufthauch streichelt hin und wieder meine Stirn. Alle Lebewesen scheinen zu ruhen in dieser brütenden Hitze. Selbst die sonst so flinken und munteren Libellen schweben langsam über das Wasser. Die Kronentaucher die sonst zu jeder Zeit hinter den Fischen her sind, liegen wie schwarze Tupfen auf dem See.

Auch bei mir macht sich die Stille und die Hitze bemerkbar, ich wate an das Ufer und lege mich in hohes saftiges Gras unter einen schattigen Weidenbusch. Als ich aufwache ist es etwas kühler geworden auch das helle Sonnenlicht hat nachgelassen, ich nehme die Suche nach einem günstigen Platz für mein Unternehmen auf. Ich quäle mich mit dem Boot durch den dichten Schilfwald und stoße auf eine Reusenschneise, welche die Fischer in das Schilf schneiden, um dort ihre Reusen zustellen, nach einiger Überlegung erscheint mir die Schneise, welche etwa zwölf Meter lang und drei Meter breit ist, passend als Beobachtungsplatz. Diese Schneise hat einiges für sich, denn das geschnittene Schilf liegt wie ein Steg links und rechts auf dem Wasser, die Rohrdommel könnte also trockenen Fußes hier umher stolzieren, weiterhin bietet mir die Schneise gute Übersicht.

Mein Boot liegt gut getarnt an dem Wasser zugekehrten Ende der Schneise, jetzt heißt es warten, lauschen und beobachten. Die Rohrdommel ist sehr scheu, das kleinste Geräusch in ihrer Nähe lässt sie verstummen und erstarren, sie kann sich meisterhaft ihrer Umgebung anpassen. Eine auf dem Boden sitzende Rohrdommel sieht wie ein Baumstumpf oder etwas ähnliches aus. Also  wollte ich wirklich Erfolg haben musste ich mich ganz ruhig verhalten. Stunde um Stunde verging, es wurde mir nicht langweilig, denn um mich herum war ich entzückt über das Treiben ringsumher. Zum Greifen nahe waren Wildenten und Taucher, sogar ein großer weißer Fischreiher in der Nähe meines Bootes gekommen, große Hechte trieben ganze Fischschwärme durch die Schilfhalme, ein großer Fisch ,es kann ein neugieriger Hecht gewesen sein stieß sogar gegen den Boden des Bootes, von einer Rohrdommel aber weit und breit nichts.........

Schon war die Dunkelheit hereingebrochen und die Frösche aus der ganzen Bucht schienen heute Abend ein Konzert zugeben, ich lauschte gespannt den Stimmen die aus der Dunkelheit kamen und so ganz geheuer war es mir nicht, denn mir kamen nun die verschiedensten Geschichten der Fischer und meines Großvaters in den Sinn, von den Gespenstern die Nachts im Schilf ihr Unwesen trieben sollten und wehe der Menschenseele die zu so später Stunde noch in diesen Gegenden war. Nun ich saß angewurzelt in meinem Boot und wagte mich kaum zu rühren.

Es gibt sicher sehr wenig Menschen die jemals diese nächtliche Atmosphäre und diesen Ton erlebt haben, der im Dunkeln, wenn man allein ist, so unheimlich klingt, plötzlich war er da, ganz dicht kam er aus der Dunkelheit, ich erschauderte mein Boot schwankte leise, dann nach einer Weile ertönte  noch mal von weit her der Ruf der Rohrdommel die ich sehen wollte. Lange, lange Jahre liegt dieses Jugenderlebnis nun schon zurück , doch manchmal in einer ruhigen Stunde schließe ich die Augen und die Erinnerung ist wie ein Traum.

von Heinz Donicht

 

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